SixBridges-Rally 2021

Du suchst eine Herausforderung? Dann fahre eine Rallye...
- ein Luchs auf der „Six-Bridges-Rally 2021“ - 

Das Abenteuer Motorradfahren beginnt ja eigentlich schon mit dem Erklimmen des Bocks, dem Starten des Motors und der ausgedehnten Runde durch sein jeweiliges Heimatrevier.

Nach genügend Exkursionen treibt es den enthusiastischen Zweiradfahrenden dann natürlich immer weiter hinaus in die Welt, um neue Gefilde zu erkunden. 

Es gibt genügend Motorradreisende, die uns an ihren erfahrenen Abenteuern teilhaben lassen und uns zeigen, wie schön die Welt ist. 

Einige Kollegen möchten diesen Globetrottern nacheifern, scheitern aber vielleicht schon an der Planung und Umsetzung. Eine alternative dazu ist eine Rallye.

Geplant und strukturiert von einem Organisationsteam, durchfährt man Orte und Ländereien, an die man vielleicht nie zu träumen gewagt hatte.

Genau nach diesem Credo habe ich mich angemeldet, um die „Six-Bridges-Rally 2021“ mitzufahren.

Es sollte innerhalb 16 Tagen eine Strecke von ca. 6000km zurückgelegt, 6 verschiedene historische Großbogenbrücken besucht und 9 Länder durchfahren werden. Also einmal quer durch Westeuropa, mit Fahrzeugen die älter als 20 Jahre sein mussten.
Mein Fahrzeug sollte meine YAMAHA XJ900S sein, 21 Jahre alt und auf den Namen „Erna“ getauft. Diese habe ich in der Winterpause 2020/21 einmal komplett revidiert und so auf das Abenteuer vorbereitet. Sie ist an Zuverlässigkeit kaum zu toppen und für solche Langstrecken absolut die beste Wahl. 

Zum Start am 11.09.2021 bekamen wir Teilnehmer ein Roadbook ausgehändigt, welches die jeweiligen Etappenziele, Aufgaben und die zu fahrende Strecke vorgab. Wie bei vielen anderen Rallyes auch, war die Vorgabe auf Autobahnen zu verzichten und nach Karte zu navigieren.

Die Kartennavigation habe ich begonnen, aber nach zwei Tagen gemerkt, dass das nicht praktikabel ist. 

Wenn man im Team (2 Personen oder mehr) fährt, und womöglich auch im Auto, wird das sicherlich funktionieren. Der eine fährt und der andere schaut sich die Karten an und gibt Ansagen. Aber wer auf dem Motorrad sitzt, hat auf Dauer nicht die Chance seine Tour nach Kartenmaterial zu fahren. 

Denn Kartenlesen erfordert erfahrungsgemäß Zeit und ein gutes Auge. Und es ist der Sicherheit geschuldet, wenn man dann doch auf die Navigationshilfe zurückgreift.

Tagesstrecken von 450km und im Schnitt 3 Stopps waren täglich vorgegeben. Gefahren wurde bei jedem Wetter, denn die Zeit musste ja auch eingehalten werden, egal ob es regnete oder stürmte. Das ist wieder ein Nachteil eines Motorrades gegenüber dem Auto. Auch das man sich nicht mit einem Teamkollegen abwechseln kann, erwies sich als kleines Problem, denn man musste somit nicht nur gegen die Zeit, sondern auch gegen seinen inneren Schweinehund fahren. Andererseits war diese Tour mit dem Motorrad, das Intensivste was ich bis jetzt erlebt habe.

Die Gesamtstrecke bot uns alles, was ein Fahrerherz begehrt: Weinanbaugebiete, Schwarzwald, Alpen und Passstraßen, Pyrenäen, Vogesen, enge Täler und weites Land, Schotterpisten, Wüstengebiete und wilde Küstenstraßen am Atlantik. Die Straßenbeläge wechselten manchmal genauso schnell wie das Wetter, und die Einsamkeit der Landstraße wechselte sich ab mit der Überfülltheit mancher Städte. 
Zeit zum Erholen und Genießen blieb wenig, denn wenn man einen Tag die Kilometer schluderte, musste man sie spätestens am nächsten Tag wieder einholen. Somit war das Rallye Feeling komplett und es wurde ein Rennen gegen die Zeit.

Meine „Erna“ nahm alles gelassen hin, und ertrug mich ebenso wie die unterschiedlichen Straßenverhältnisse aus Asphalt, Schotter, Schlaglöchern und Wiesen. Das Fahrwerk schlug trotz 400kg Gesamtgewicht nicht einmal durch, und die Reifen (Pilot Road 4 von Michelin) steckten alles gut und sicher weg. Der Motor genehmigte sich nur einen halben Liter Öl auf der gesamten Strecke und blieb bei einem Verbrauch von durchschnittlich 5-6 Litern genügsam.

Ein besonderes Erlebnis war der Teamgeist, der sich in der kurzen Zeit entwickelte. Gegenseitige Unterstützung und Hilfe in problematischen Fällen, gegenseitige Versorgung und familiäres Miteinander waren obligatorisch, und dementsprechend betrübt waren alle, wenn einzelne Teams oder Teilnehmer die Rallye abbrechen mussten, auf Grund technischer Ausfälle oder Unfälle. Glücklicher weise hatte niemand einen ernsthaften, bleibenden Schaden genommen. Ein Motorradkollege stürzte in der Bardenas Reales (Wüstengebiet in Spanien) in einen Graben, zwei Autos sind mit technischen Problemen komplett ausgefallen. 

Die 16 Tage Hatz durch Europa gingen dann am 26.09.2021 dort zu Ende, wo sie begonnen hatten. Beim Zieleinlauf unter der Müngstener Brücke in Solingen wurden die Teams herzlich in Empfang genommen, und jeder Teilnehmer erlebte etwas, dass man mit Worten kaum beschreiben kann.

Ein Hoch- und Glücksgefühl, eine Euphorie lag in der Luft. Wir waren nach nunmehr 6700km am Ziel und hatten etwas großes Vollbracht. 

Denn mit der Rallye wurden auch Spenden für soziale und karitative Zwecke gesammelt. 

Insgesamt schafften es alle Teilnehmer zusammen auf mehr als 92.000€

Das soll uns erst einmal jemand nachmachen... :)

Auch wenn die „Six-Bridges-Rally“ eigentlich für Autos konzipiert war, und man als Motorradfahrer manche Schwierigkeiten hatte alle Aufgaben zu erledigen, war dieses Event ein Erlebnis, welches ich nicht mehr in meiner Motorraderfahrung missen möchte. 
Man kommt an seine Grenzen, geht darüber hinaus und wächst mit seiner Erfahrung.

Und es weckt die Lust auf mehr...


Und wie sagt man so schön:
Nach der Rallye ist vor der Rallye...